Krimispiele landen oft irgendwann an demselben Punkt. Anfangs untersucht man einen Tatort, sammelt ein paar Hinweise und kurze Zeit später rennt man mit gezogener Waffe durch irgendwelche Lagerhallen oder verfolgt Verdächtige quer durch die Stadt. FORENSIC – M.E. Protocol interessiert sich für all das erstaunlich wenig. Hier geht es nicht darum, der Actionheld der Ermittlungsbehörde zu sein. Stattdessen verbringt man einen großen Teil seiner Zeit damit, Tatorte zu untersuchen, Beweise zu sichern und Dinge zu analysieren, die auf den ersten Blick komplett unwichtig wirken. Genau deshalb wird das Spiel vermutlich einige Spieler sofort verlieren und andere dafür umso stärker fesseln. Nach den ersten Fällen hatte ich jedenfalls schnell das Gefühl, dass hier jemand unbedingt ein Spiel machen wollte, das sich tatsächlich um Ermittlungsarbeit dreht. Nicht um Explosionen, nicht um Schießereien, sondern um das langsame Zusammensetzen eines Puzzles. Das Tempo ist dadurch deutlich ruhiger als in vielen anderen Genrevertretern. Gleichzeitig entsteht aber eine ganz eigene Spannung. Man schaut sich einen Raum an und weiß, dass irgendwo zwischen all den Gegenständen die Antwort liegt. Die Frage ist nur, ob man sie rechtzeitig findet.
Erst sieht alles simpel aus
Fast jeder Fall beginnt mit einem Moment, in dem man glaubt, die Situation relativ schnell einschätzen zu können. Man betritt den Tatort, verschafft sich einen Überblick und entwickelt automatisch eine erste Theorie. Vielleicht ist etwas umgestürzt. Vielleicht liegt ein Gegenstand an einer seltsamen Stelle. Vielleicht scheint auf den ersten Blick sogar völlig klar zu sein, was passiert sein könnte. Genau in diesen Momenten gefällt mir das Spiel am besten, denn meistens dauert es nicht lange, bis die ersten Zweifel auftauchen. Plötzlich findet man etwas, das überhaupt nicht zur bisherigen Theorie passt. Dann entdeckt man eine weitere Spur und merkt langsam, dass man vielleicht doch auf dem Holzweg war. Dadurch entsteht ein angenehmes Gefühl von Unsicherheit. Man verlässt sich nicht einfach auf den ersten Eindruck, sondern beginnt automatisch damit, alles noch einmal genauer zu betrachten.
Besonders spannend wird das, wenn mehrere Hinweise miteinander verbunden werden müssen. Manche Beweise wirken zunächst komplett belanglos. Stunden später erkennt man dann plötzlich, warum sie überhaupt wichtig waren. Genau solche Momente sorgen dafür, dass die Fälle im Kopf bleiben. Das Spiel gibt einem selten das Gefühl, nur Aufgaben abzuarbeiten. Stattdessen sitzt man häufiger vor einem Tatort und überlegt tatsächlich, welche Ereignisse hier wohl stattgefunden haben könnten. Manchmal liegt man richtig. Manchmal komplett daneben. Und genau dadurch entsteht ein Ermittlungsgefühl, das erstaunlich authentisch wirkt. Es gibt immer wieder Situationen, in denen man glaubt, kurz vor der Lösung zu stehen, nur um anschließend alles wieder über den Haufen werfen zu müssen.




Man verbringt erstaunlich viel Zeit mit dem Boden
Wenn jemand von außen zuschauen würde, könnte FORENSIC – M.E. Protocol wahrscheinlich deutlich langweiliger wirken, als es tatsächlich ist. Die meiste Zeit läuft man nämlich nicht spektakulär durch die Gegend. Stattdessen schaut man auf Böden, untersucht Gegenstände, überprüft Spuren und sucht nach Dingen, die andere vielleicht übersehen würden. Das klingt erstmal nicht nach dem aufregendsten Spielkonzept der Welt. Komischerweise funktioniert es trotzdem erstaunlich gut. Irgendwann entwickelt man automatisch einen Blick für Details. Man betritt einen Raum und beginnt sofort damit, nach ungewöhnlichen Dingen Ausschau zu halten. Warum steht dieser Gegenstand dort? Weshalb fehlt an einer Stelle etwas? Und warum wirkt eine bestimmte Ecke des Tatorts irgendwie merkwürdig? Genau aus solchen Fragen entsteht der eigentliche Spielfluss.
Besonders interessant wird das durch die verschiedenen Hilfsmittel, die einem zur Verfügung stehen. Statt einfach alles mit einem Knopfdruck aufzudecken, muss man oft selbst entscheiden, welches Werkzeug sinnvoll sein könnte. Manchmal untersucht man Bereiche aus der Ferne, manchmal analysiert man einzelne Spuren genauer oder versucht herauszufinden, ob irgendwo noch etwas verborgen liegt. Dadurch entsteht eine gewisse Routine. Nach einigen Stunden hatte ich fast schon meinen eigenen Ablauf entwickelt. Erst den Tatort grob absuchen, anschließend auffällige Stellen markieren und danach Schritt für Schritt tiefer in die Untersuchung einsteigen. Genau dann beginnt das Spiel richtig Spaß zu machen. Man arbeitet sich langsam voran und merkt, wie aus vielen kleinen Details allmählich ein Gesamtbild entsteht.




Nicht alles wird einem erklärt
Eine Sache sollte man allerdings wissen, bevor man startet. Das Spiel nimmt den Spieler nicht besonders stark an die Hand. Anfangs wirkt vieles sogar ein wenig sperrig. Man bekommt zwar die wichtigsten Grundlagen erklärt, doch viele Dinge lernt man letztendlich durch Ausprobieren. Das führte bei mir mehrfach dazu, dass ich einige Minuten ratlos vor einer Aufgabe stand und erst einmal herausfinden musste, welche Funktion überhaupt von mir erwartet wird. Gerade zu Beginn kann das etwas frustrierend sein. Vor allem dann, wenn man eigentlich das Gefühl hat, den Fall verstanden zu haben, aber an irgendeinem kleinen Detail hängen bleibt.
Nach einigen Stunden verändert sich dieser Eindruck allerdings deutlich. Sobald man die grundlegenden Abläufe verinnerlicht hat, ergibt plötzlich vieles Sinn. Dinge, die anfangs kompliziert wirkten, laufen später fast automatisch ab. Dadurch entsteht ein Lernprozess, den man in modernen Spielen gar nicht mehr so oft erlebt. Statt ständig neue Fähigkeiten freizuschalten, verbessert man sich selbst. Man erkennt Hinweise schneller, arbeitet strukturierter und entwickelt mit der Zeit ein Gefühl dafür, welche Spuren wirklich wichtig sein könnten. Genau deshalb fühlt sich der Fortschritt überraschend befriedigend an. Nicht weil die Spielfigur stärker wird, sondern weil man selbst besser wird.




Kleine Schwächen bleiben sichtbar
So gut mir die eigentliche Ermittlungsarbeit gefallen hat, perfekt ist das Spiel natürlich nicht. Vor allem die Bedienung wirkt an manchen Stellen etwas umständlich. Es gibt Situationen, in denen man genau weiß, was man tun möchte, der Weg dorthin aber mehr Schritte erfordert als nötig. Das ist selten ein großes Problem, fällt aber besonders in längeren Fällen auf. Manchmal wird der Spielfluss dadurch leicht ausgebremst. Statt über den Fall nachzudenken, beschäftigt man sich kurz mit Menüs oder Werkzeugen. Das passiert nicht ständig, aber häufig genug, um aufzufallen.
Auch technisch merkt man dem Spiel an, dass hier kein riesiges Studio mit unbegrenztem Budget am Werk war. Einige Animationen wirken etwas steif und nicht jede Figur hinterlässt einen besonders natürlichen Eindruck. Gleichzeitig muss man fairerweise sagen, dass diese Dinge während der eigentlichen Ermittlungen schnell in den Hintergrund rücken. Sobald man sich in einem Fall festgebissen hat, konzentriert man sich ohnehin auf die Hinweise und nicht darauf, ob eine Animation perfekt aussieht. Die Stärken des Spiels liegen ganz klar bei den Ermittlungen selbst. Dort funktioniert deutlich mehr, als die technische Präsentation zunächst vermuten lässt.




Die besten Momente kommen ganz leise
Die stärksten Szenen sind interessanterweise nicht die großen Enthüllungen am Ende eines Falls. Es sind die kleinen Momente zwischendurch. Dieser Augenblick, in dem plötzlich ein Hinweis Sinn ergibt. Wenn man einen Gegenstand erneut betrachtet und erkennt, warum er überhaupt wichtig war. Oder wenn mehrere Spuren, die bisher komplett unabhängig voneinander wirkten, plötzlich zusammenpassen. Genau dann entsteht dieses angenehme Gefühl, tatsächlich etwas herausgefunden zu haben. Nicht weil das Spiel es einem gesagt hat, sondern weil man selbst die Verbindung erkannt hat.
Besonders gut gefällt mir dabei, dass das Spiel keinen künstlichen Zeitdruck aufbaut. Niemand drängt einen zur Eile. Man kann sich Zeit lassen, einen Raum mehrfach durchsuchen oder eine Theorie wieder verwerfen, wenn neue Informationen auftauchen. Dadurch entsteht eine angenehme Ruhe, die hervorragend zum gesamten Konzept passt. Die Fälle wirken weniger wie hektische Missionen und mehr wie echte Ermittlungen. Man beobachtet, analysiert und denkt nach. Das klingt vielleicht unspektakulär, sorgt aber dafür, dass sich die Erfolge am Ende deutlich verdienter anfühlen.
Unsere Meinung
FORENSIC – M.E. Protocol ist definitiv kein Spiel für jeden. Wer schnelle Action, spektakuläre Verfolgungsjagden oder permanente Spannung sucht, wird hier vermutlich nicht lange bleiben. Das Spiel verlangt Geduld und die Bereitschaft, sich wirklich mit seinen Fällen auseinanderzusetzen. Dafür belohnt es den Spieler mit einem Ermittlungsgefühl, das man heutzutage nur noch selten findet. Es geht weniger um große Effekte, sondern um Beobachtung, Schlussfolgerungen und diese kleinen Momente, in denen ein unscheinbares Detail plötzlich wichtig wird.
Nicht jede Mechanik funktioniert perfekt und gerade der Einstieg könnte etwas zugänglicher sein. Trotzdem entwickelt das Spiel einen eigenen Reiz, dem man sich überraschend schwer entziehen kann. Irgendwann sitzt man wieder vor einem Tatort, sucht nach einer einzigen fehlenden Spur und merkt plötzlich, dass schon wieder deutlich mehr Zeit vergangen ist als geplant. Genau dann funktioniert FORENSIC – M.E. Protocol am besten. Es macht aus kleinen Details spannende Entdeckungen und aus gewöhnlicher Ermittlungsarbeit ein erstaunlich fesselndes Spielerlebnis.
„Ein sperriges, aber reizvolles Ermittlungsabenteuer, das Geduld fordert und kleine Details stark in Szene setzt.” – game7days
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