Baby Steps – Test / Review (PC)

Baby Steps ist eines dieser Spiele, bei denen man sich fragt: Wer kommt eigentlich auf so eine Idee? Statt wilder Kämpfe, spannender Quests oder einer gigantischen Open World steht hier ein Mittdreißiger im Jogginganzug im Mittelpunkt, der wortwörtlich laufen lernen muss. Nate heißt er, und schon im ersten Moment macht das Spiel klar, dass man Geduld und Humor mitbringen sollte. Denn nichts, wirklich gar nichts, gelingt auf Anhieb. Jeder Schritt ist eine Herausforderung, jeder kleine Erfolg fühlt sich an, als hätte man einen Marathon geschafft. Gerade dieses ungewöhnliche Konzept hat bereits vor dem Release für viel Aufmerksamkeit gesorgt.

Entwickelt wurde Baby Steps von Gabe Cuzzillo, Maxi Boch und Bennett Foddy – letzterer ist berüchtigt für „Getting Over It“, ein Spiel, das ebenfalls auf Frust, Wiederholung und skurrilen Humor setzte. In Baby Steps führen die Entwickler diesen Gedanken konsequent weiter, aber in einer neuen Form. Statt mit einem Hammer aus einem Topf zu klettern, versucht man hier, Schritt für Schritt eine Welt voller Abgründe, Hügel und Hindernisse zu überwinden. Erschienen ist der Titel im September 2024 für PC und PlayStation 5, und schon kurz nach dem Start war klar: Wer auf charmant-chaotische Erlebnisse steht, kommt hier auf seine Kosten.


Story

Die Handlung ist bewusst überschaubar gehalten, wirkt aber dadurch fast noch einprägsamer. Nate, ein Mann ohne großen Antrieb und mit eher chaotischem Lebensstil, findet sich plötzlich in einer Parallelwelt wieder. Statt Antworten auf große Fragen oder eine epische Mission zu bekommen, muss er dort das tun, was ihm am schwersten fällt: Laufen. Diese absurde Grundidee reicht schon aus, um den Ton für das gesamte Spiel zu setzen.

Interessant wird die Geschichte vor allem durch die Art, wie sie erzählt wird. Nate philosophiert während seiner holprigen Reise über sein Leben, über Fehler, über verpasste Chancen. Zwischendurch trifft er auf merkwürdige Figuren, die nicht minder skurril wirken als er selbst. So entsteht eine Abfolge von kleinen Episoden, die weder einen klassischen Spannungsbogen haben noch viel Tiefgang bieten – aber genau das macht den Charme aus. Die Story ist nicht das Ziel, sondern ein Rahmen, in dem man Nates unbeholfene Reise erlebt.


Gameplay

Das Herzstück des Spiels ist die Steuerung, und die ist alles andere als gewöhnlich. Jeder Schritt von Nate wird einzeln kontrolliert. Ein falscher Tastendruck, ein ungeduldiges Heben des Beins – und schon liegt er auf dem Boden. Selbst kleinste Hindernisse wie ein Stein oder ein niedriger Hügel können das Ende eines mühselig erarbeiteten Fortschritts bedeuten. Anfangs sorgt das für unzählige Stürze und viel Frust, doch genau daraus zieht das Spiel seine Energie. Wer weiter macht, spürt mit der Zeit kleine Verbesserungen und freut sich über jedes gelungene Manöver, das irgendwann fast selbstverständlich wirkt.

Das Spiel verlangt eine Menge Geduld, aber es belohnt auch. Wer sich darauf einlässt, entdeckt eine merkwürdige Mischung aus Chaos und Meditation. Irgendwann findet man einen Rhythmus, in dem die Steuerung weniger wie ein Kampf wirkt, sondern wie ein komisches Ritual, das man langsam verinnerlicht. Statt mit Gegnern zu kämpfen oder Missionen zu erfüllen, ist es hier der Kampf mit der Mechanik selbst, der für Spannung sorgt. Und das macht Baby Steps so einzigartig – es zwingt den Spieler, sich mit Niederlagen abzufinden und Erfolge ganz neu zu schätzen.


Witzige Cutscenes

Ein besonderes Highlight sind die Cutscenes und Dialoge, die das Spiel immer wieder einstreut. Nate kommentiert sein Scheitern mit bissigem Humor, trifft auf Figuren, die mindestens genauso schräg sind wie er selbst, oder landet in absurden Szenen, die wie aus einer schiefen Theatervorstellung wirken. Das wirkt nicht überinszeniert, sondern herrlich spontan. Statt Pathos oder epischer Erzählung bekommt man ironische Kommentare, die perfekt zu den stolpernden Bewegungen passen.

Besonders witzig ist, wie sehr diese Szenen mit dem eigentlichen Spielgefühl verschmelzen. Wenn Nate über sein Scheitern lacht oder selbstironisch die Sinnlosigkeit seiner Reise kommentiert, spiegelt das genau die Gedanken wider, die man als Spieler hat. Man fühlt sich fast, als würde man nicht allein vor dem Bildschirm sitzen, sondern mit Nate gemeinsam über das Chaos lachen. Die Cutscenes sind damit nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern tragen einen großen Teil zur Identität von Baby Steps bei.


Technik, Grafik & Sound

Optisch ist Baby Steps kein Titel, der mit realistischer Grafik oder technischen Höchstleistungen glänzen will. Stattdessen setzt das Spiel auf einen bewusst schlichten, fast klobigen Stil, der aber hervorragend zum Ton passt. Nate bewegt sich mit absichtlich ungelenken Animationen, die gleichzeitig nervig und urkomisch wirken. Die Spielwelt ist bunt, abwechslungsreich und gerade so detailliert, dass sie das Stolpern und Scheitern perfekt untermalt.

Beim Sound setzen die Entwickler auf feine Details. Jeder Sturz wird von passenden Geräuschen begleitet, die Slapstick-Atmosphäre verstärken. Nates Kommentare sind das eigentliche Highlight – sein Gestöhne, Gemurmel oder ironische Bemerkungen bringen einen immer wieder zum Lachen. Die Musik bleibt dezent im Hintergrund, untermalt aber die absurde Stimmung, ohne sie zu überlagern. Technisch ist das Spiel solide und stabil, aber vor allem ein stimmiges Gesamtpaket, das zeigt: Weniger ist manchmal mehr, wenn die Idee stark genug ist.

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Unsere Meinung

Baby Steps ist ein herrlich störrisches Physik-Abenteuer, das Frust und Slapstick mit überraschend viel Herz kombiniert. Jeder Meter ist erarbeitet: Die feinfühlige Bein-zu-Bein-Steuerung erzeugt grandiose „Oh nein!“-Momente – und genau daraus entsteht der Reiz.
Wer schnelle Erfolge oder präzise Jump’n’Run-Kontrolle erwartet, wird hier nicht glücklich. Doch wer sich auf das langsame Vorankommen, das Tüfteln an Hängen und die bewusst sperrige Mechanik einlässt, bekommt eine ungewöhnlich fokussierte, charmant inszenierte Reise, die länger nachhallt als viele „größere“ Spiele.
Unsere Gesamtbewertung
82%

„Sperrig, witzig, eigensinnig – und erstaunlich belohnend.” – game7days

Game7Days Award Silber
Silber
ProContra
  • Einzigartige, physikbasierte Geh-Steuerung
  • Großartige Slapstick-Momente & trockener Humor
  • Gelungenes Art- & Sound-Design
  • Deutliches Fortschrittsgefühl bei kniffligen Passagen
  • Hohe Frusttoleranz erforderlich
  • Sehr spezielles Tempo, kaum Zugeständnisse
  • Wenige Komfortfunktionen & Checkpoints
Name: Baby Steps
Genre: Physik-Adventure, Plattformer
USK/PEGI: –
Entwickler: Gabe Cuzzillo, Bennett Foddy, AP Thompson
Publisher: Devolver Digital
Plattform: PC, PlayStation 5
Veröffentlichung: 2024
Anmerkung: Die PC-Version von Baby Steps wurde game7days für den Test zur Verfügung gestellt. Eine Einflussnahme des Publishers oder Entwicklers auf den Testbericht hat nicht stattgefunden.

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