ERA ONE will mehr sein als ein weiterer Weltraumstrategie-Titel
Auf der gamescom 2026 hatten wir im Rahmen eines rund 30-minütigen Termins Gelegenheit, uns ERA ONE genauer präsentieren zu lassen. Dabei ist schnell klar geworden, warum der Name Team Complex gerade bei langjährigen Fans von Weltraumstrategie bekannt vorkommen dürfte. Die Wurzeln des Studios liegen in der Modding-Szene und insbesondere im umfangreichen Complex-Mod für Homeworld. Aus dieser Arbeit entstand später sogar eine Zusammenarbeit mit Gearbox an Homeworld Remastered. Heute besteht Team Complex aus einem kleinen Team und entwickelt mit ERA ONE viele dieser über Jahre gesammelten Ideen in einem eigenständigen Spiel weiter.
Wer bereits unseren Test zu Homeworld 3 gelesen hat, wird bei ERA ONE einige vertraute Grundgedanken erkennen. Große Flotten bewegen sich vollständig im dreidimensionalen Raum, unterschiedliche Schiffstypen übernehmen klar definierte Aufgaben und taktische Positionierung spielt eine wichtige Rolle. ERA ONE übernimmt dieses Konzept allerdings nicht einfach unverändert. Vor allem der fast vollständig modulare Bau von Stationen, mobilen Basen und Kriegsschiffen verleiht dem Projekt eine erstaunlich eigenständige Richtung.
Aus wenigen Modulen wird eine fliegende Stadt
Der wichtigste Baustein von ERA ONE ist im wahrsten Sinne des Wortes der Baukasten. Eine Partie beginnt mit einem Command Center, das nach und nach um weitere Module erweitert werden kann. Produktionsanlagen, Lagerräume, Energieversorgung, Geschütze, Ressourcenverarbeitung und zahlreiche andere Systeme werden miteinander verbunden, bis aus einer überschaubaren Konstruktion eine gewaltige Raumstation oder sogar eine mobile Festung entsteht. Dabei existiert keine starre Vorlage, die allen Spielern dieselbe Basis aufzwingt.
Interessant ist vor allem, dass unterschiedliche Stationen auch unterschiedliche Aufgaben übernehmen können. Möglich sind beispielsweise kleinere Einrichtungen zur Rohstoffgewinnung, spezialisierte Außenposten oder eine besonders schwere Kampfstation. Je größer eine Konstruktion wird, desto stärker wirkt sich ihr Gewicht auf ihre Mobilität aus. Einfach möglichst viele Waffen und Panzerplatten aneinanderzuschrauben ist deshalb nicht automatisch die beste Lösung. Widerstandsfähigkeit, Feuerkraft und Beweglichkeit müssen gegeneinander abgewogen werden.
Dazu kommen Forschung, Energieversorgung, Besatzung und Ressourcenmanagement. Gerade hier zeigte die Präsentation, dass ERA ONE deutlich komplexer werden möchte als ein schnelles Weltraum-RTS für zwischendurch. Wer gerne an Konstruktionen tüftelt, Produktionsketten optimiert und gleichzeitig seine Flotten plant, dürfte sich in diesem System lange beschäftigen können.
Schiffe entstehen nicht einfach über einen Produktionsknopf
Auch die eigentlichen Kriegsschiffe lassen sich umfangreich anpassen. Antriebe, Waffen, Frachträume, Scanner und weitere Komponenten können je nach Einsatzzweck miteinander kombiniert werden. Kleinere Einheiten besitzen teilweise stärker vorgegebene Grundgerüste, bleiben über Bewaffnung und Ausstattung aber ebenfalls anpassbar.
Zusätzlich lässt sich festlegen, wie Einheiten während eines Gefechts agieren sollen. Defensive Verhaltensweisen, Frontalangriffe, seitliche Manöver oder das Kreisen um ein Ziel können mit unterschiedlichen Flottenformationen kombiniert werden. Einheiten sammeln zudem Erfahrung, wodurch ein Veteranenverband langfristig wertvoller werden kann als ständig neu produzierte Wegwerfverbände.
Damit bekommt der eigentliche Schiffsbau eine taktische Ebene, die über reine Zahlenwerte hinausgeht. Schon bei der Konstruktion muss darüber nachgedacht werden, welche Aufgabe ein Schiff später übernehmen soll. Gerade diese Verbindung aus Konstruktion und anschließender taktischer Nutzung könnte sich zu einer der größten Stärken von ERA ONE entwickeln.
Multiplayer war eines der großen gamescom-Themen
Ein Schwerpunkt der diesjährigen gamescom-Präsentation lag auf dem neuen Multiplayer. Mit Build 12 wurde erstmals eine vollständig spielbare Mehrspieler-Grundlage veröffentlicht. Momentan konzentriert sich Team Complex vor allem auf 1-gegen-1-Partien. Spiele können über Steam-Lobbys oder im LAN gehostet werden, zusätzlich existieren unter anderem Freunde- und Invite-only-Lobbys sowie Speicherfunktionen für längere Matches.
Damit soll der Multiplayer allerdings erst anfangen. Team Complex möchte ihn schrittweise ausbauen, statt sofort möglichst viele Spieler aufeinander loszulassen. Die aktuelle Roadmap sieht für November 2026 unter anderem einen erweiterten Koop-Multiplayer, die spielbaren Piraten sowie prozedural generierte Karten vor.
Gerade bei einem Spiel mit derart freien Konstruktionen dürfte Balancing eine Herausforderung bleiben. Während manche Spieler gewaltige Festungen errichten, setzen andere auf mehrere kleine Basen und schnelle Angriffseinheiten. Baupläne lassen sich speichern und erneut verwenden, wodurch auf Dauer vermutlich eine eigene Community rund um ungewöhnliche Stations- und Schiffsentwürfe entstehen dürfte.
Technik zwischen beeindruckender Größe und Early Access
Optisch lebt ERA ONE vor allem vom Eindruck gigantischer Konstruktionen, die tatsächlich aus vielen einzelnen Komponenten zusammengesetzt sind. Beleuchtung, Nebel, Asteroidenfelder und die zahlreichen gleichzeitig agierenden Schiffe erzeugen gerade bei größeren Gefechten dennoch eindrucksvolle Szenen. Build 12 überarbeitete unter anderem Asteroiden, Kollisionen, Cockpits, Panzerungsmodule sowie die visuellen Effekte und führte einen omnidirektionalen Antrieb für beweglichere Schiffe ein.
Wie gut das alles unter Extrembedingungen läuft, können wir nach einer Präsentation allerdings nicht unabhängig bewerten. Gerade deshalb sollte ERA ONE weiterhin klar als Early-Access-Projekt betrachtet werden. Das Team arbeitet sichtbar an diesem Bereich. Der Hotfix 0.12.4 vom 3. September beseitigte beispielsweise Probleme bei Kollisionen und Bauplänen, verbesserte die Stabilität und reduzierte deutlich die teilweise langen Ladezeiten beim Start von Deathmatch-Karten.
Dass die Optimierung bei einem solchen Konzept keine Kleinigkeit ist, versteht sich fast von selbst. In Tests des Teams sollen bereits Partien mit ungefähr 18.000 bis 25.000 einzelnen Elementen gelaufen sein. Wenn solche Konstruktionen gleichzeitig Ressourcen verarbeiten, Geschütze steuern und Schiffe bewegen, entsteht ein völlig anderes technisches Problem als bei einer klassischen vorgefertigten RTS-Basis.
Die Kampagne kommt mit Version 1.0
ERA ONE befindet sich bereits seit dem 6. August 2025 im Steam Early Access. Der ursprüngliche Zeitplan wurde inzwischen deutlich überarbeitet. Aktuell nennt Steam allgemein das erste Quartal 2027 für das Verlassen des Early Access. Die am 3. September aktualisierte offizielle Roadmap wird genauer und führt Februar 2027 für Version 1.0 auf.
Mit Version 1.0 soll vor allem die Einzelspieler- und Koop-Kampagne hinzukommen. Sie erzählt die Geschichte von Alya De Shars in einer Zukunft, in der die Menschheit ihre ausgebeutete Erde verlassen hat und in einer zusammengebrochenen politischen Ordnung ums Überleben kämpft. Mit ORGA soll außerdem eine weitere Fraktion und der zentrale Gegner der Kampagne eingeführt werden. Die Geschichte wird von einem eigens komponierten Piano-Soundtrack von Alberto Selvaggi begleitet.
Danach soll es weitergehen. Für April 2027 nennt die Roadmap Version 1.1 mit weiterem Feinschliff und zusätzlichen Inhalten. Im Juni sollen Modding-Dokumentation, Werkzeuge und eine Steam-Workshop-Anbindung folgen. Gerade angesichts der Herkunft von Team Complex aus der Modding-Szene ist dieser Punkt alles andere als nebensächlich.
Viel Freiheit aber auch eine ordentliche Lernkurve
Nach der Präsentation bleibt vor allem der ungewöhnlich freie Baukasten hängen. ERA ONE wirkt nicht wie ein Spiel, das dem Nutzer drei vorgefertigte Schlachtschiffe und vier Basisgebäude hinstellt. Wer möchte, kann offenbar sehr lange daran arbeiten, eine Station oder ein Schiff genau nach den eigenen Vorstellungen aufzubauen und anschließend herausfinden, ob die Konstruktion im tatsächlichen Gefecht überhaupt funktioniert.
Genau darin könnte allerdings auch die größte Einstiegshürde liegen. Ressourcen, Forschung, Besatzung, Module, Schiffssysteme, Formationen und Flottenbefehle sorgen für eine Informationsdichte, die Strategie-Neulinge zunächst erschlagen kann. Die Benutzeroberfläche ist funktional, wirkt an manchen Stellen aber noch entsprechend technisch und vermittelt deutlich den Eindruck eines Spiels, das sich mitten in der Entwicklung befindet. Dass sich der Multiplayer momentan im Wesentlichen auf 1-gegen-1 konzentriert und die eigentliche Kampagne erst mit Version 1.0 folgen soll, unterstreicht diesen Early-Access-Charakter zusätzlich.
Trotzdem gehört ERA ONE zu diesen kleineren gamescom-Projekten, bei denen die zugrunde liegende Idee nach dem Termin stärker im Kopf bleibt als reine Produktionswerte. Wer Weltraumstrategie mag, Konstruktionen gerne selbst entwirft und Systeme lieber versteht als nur vorgefertigte Einheiten zu produzieren, sollte das Projekt im Auge behalten. Für weitere etwas ungewöhnlichere Ausflüge in die strategische Science-Fiction lohnt sich auch ein Blick in unsere Early-Access-Preview zu Command Deck.
Quellen
- ERA ONE bei Steam
- keySquare PR – ERA ONE auf der gamescom 2026
- keySquare PR – Multiplayer-Trailer
- Team Complex – aktuelle Roadmap
- ERA ONE Hotfix 0.12.4
- Offizielle ERA ONE Webseite
Bildmaterial: © Team Complex LTD / keySquare PR – offizielles Pressekit.






