Manchmal weiß man bei Spielen schon nach kurzer Zeit, was einen die nächsten Stunden erwarten wird. Bei Yoshi and the Mysterious Book ist das anders. Man erkennt sofort die bekannten Figuren, die freundliche Optik und viele typische Elemente der Reihe. Trotzdem merkt man schnell, dass hier etwas anders ist als in den meisten bisherigen Yoshi-Abenteuern.Statt sich auf Sprungpassagen oder Herausforderungen zu konzentrieren, geht es oft um Neugier. Man trifft auf seltsame Kreaturen, merkwürdige Situationen oder kleine Rätsel, deren Lösung nicht offensichtlich ist. Dadurch entsteht ein Spielfluss, der sich von anderen Jump-and-Runs unterscheidet. Statt schnell zum Ziel zu gelangen, bleibt man oft stehen und probiert aus, was passiert, wenn man Dinge kombiniert.Das klingt einfach, aber es verändert das Spielgefühl stark. Nach einigen Stunden fühlte ich mich nicht mehr wie in einem klassischen Plattformspiel, sondern wie in einem lebendigen Bilderbuch, das ständig neue Seiten aufschlägt.
Ein Buch das mehr Fragen stellt als Antworten liefert
Die Geschichte beginnt zunächst recht unscheinbar. Yoshi stößt auf ein geheimnisvolles Buch, dessen Erinnerungen verloren gegangen sind. Klingt simpel und genau das ist es auch. Trotzdem dient diese Ausgangslage perfekt als Grundlage für alles, was danach passiert. Das Buch wird praktisch zum Mittelpunkt des gesamten Abenteuers. Jede neue Region wirkt wie eine weitere Seite, die langsam wieder mit Leben gefüllt wird. Dabei stehen nicht große Dramen oder spektakuläre Wendungen im Mittelpunkt. Stattdessen lebt die Handlung vor allem von ihren Bewohnern und den vielen kleinen Geschichten, die man unterwegs entdeckt. Immer wieder trifft man auf seltsame Kreaturen, die zunächst völlig harmlos wirken und später plötzlich Teil einer größeren Lösung werden. Manche helfen einem weiter, andere sorgen eher für Verwirrung und wieder andere scheinen einfach nur da zu sein, um die Welt etwas lebendiger wirken zu lassen. Gerade diese Mischung sorgt dafür, dass die Spielwelt erstaunlich sympathisch wirkt.
Besonders gefallen hat mir dabei, dass das Spiel nicht ständig versucht, alles zu erklären. Viele moderne Spiele haben die Angewohnheit, jede Kleinigkeit sofort mit Dialogen oder Markierungen zu versehen. Hier passiert häufig das Gegenteil. Man entdeckt etwas, versteht zunächst nicht, warum es dort ist und beginnt automatisch damit, herumzuprobieren. Genau dadurch entsteht dieses angenehme Gefühl, selbst etwas herauszufinden. Nicht jede Entdeckung ist riesig oder spielentscheidend, aber genau das macht sie glaubwürdiger. Irgendwann entwickelt man fast automatisch die Angewohnheit, jede Ecke zu untersuchen, weil man nie genau weiß, ob sich dort vielleicht wieder eine neue Kreatur, ein Geheimnis oder irgendeine kleine Überraschung versteckt. Diese permanente Neugier trägt das Spiel erstaunlich lange und sorgt dafür, dass selbst ruhigere Abschnitte selten langweilig werden.
Wer ständig rennt übersieht die besten Momente
Viele Spieler werden wahrscheinlich mit der Erwartung starten, ein klassisches Yoshi-Spiel zu bekommen. Schließlich gehören Springen, Eierwerfen und das bekannte Fressen von Gegnern seit Jahrzehnten zur Reihe dazu. Diese Elemente sind natürlich weiterhin vorhanden, spielen aber überraschend oft nur eine Nebenrolle. Das eigentliche Herzstück des Spiels ist das Erkunden. Immer wieder begegnet man Situationen, die zunächst unspektakulär wirken. Eine seltsame Kreatur steht irgendwo herum. Ein Bereich scheint unerreichbar. Ein Objekt reagiert auf etwas, dessen Bedeutung man noch gar nicht versteht. Genau in diesen Momenten beginnt das Spiel seine eigentliche Stärke auszuspielen. Statt sofort eine Lösung zu präsentieren, lässt es den Spieler einfach machen. Man probiert Dinge aus, macht Fehler, entdeckt Zusammenhänge und findet irgendwann einen Weg weiter. Dabei entstehen regelmäßig Situationen, die man nicht geplant hat. Plötzlich öffnet sich ein neuer Bereich oder eine Figur reagiert auf etwas, das man eher zufällig ausprobiert hat.
Interessant ist dabei vor allem, wie unterschiedlich Spieler vermutlich an dieselben Aufgaben herangehen werden. Es gibt selten nur einen einzigen offensichtlichen Gedankenweg. Stattdessen beobachtet man die Umgebung, versucht verschiedene Möglichkeiten und gelangt oft über Umwege zum Ziel. Dadurch fühlen sich viele Lösungen deutlich persönlicher an als in klassischen Rätselspielen. Mehrmals hatte ich das Gefühl, etwas besonders Cleveres herausgefunden zu haben, nur um später festzustellen, dass das Spiel genau auf solche Experimente ausgelegt ist. Genau dieser Ansatz sorgt dafür, dass man sich deutlich stärker mit der Welt beschäftigt. Man konsumiert die Inhalte nicht einfach, sondern beschäftigt sich aktiv mit ihnen. Das macht Yoshi and the Mysterious Book deutlich ungewöhnlicher als viele andere Nintendo-Spiele.
Die Welt lebt von ihren Bewohnern
Was mich im Laufe des Spiels immer wieder überrascht hat, waren die vielen kleinen Kreaturen, die überall in den einzelnen Kapiteln auftauchen. Anfangs wirken viele davon fast wie dekorative Figuren, die einfach nur die Umgebung etwas interessanter gestalten sollen. Genau deshalb habe ich einige von ihnen zunächst komplett ignoriert. Erst nach und nach wird klar, dass ein großer Teil des Spiels direkt mit diesen Bewohnern verbunden ist. Manche verändern ihr Verhalten abhängig von der Umgebung, andere reagieren auf bestimmte Gegenstände und wieder andere scheinen zunächst völlig nutzlos zu sein, bis man viele Minuten oder sogar ein ganzes Kapitel später plötzlich versteht, warum sie überhaupt dort standen. Dadurch entsteht eine Art Lernprozess, der sich erstaunlich natürlich anfühlt. Das Spiel erklärt selten alles sofort. Stattdessen beobachtet man, probiert Dinge aus und beginnt irgendwann, die Zusammenhänge zu verstehen. Mehrmals hatte ich Situationen, in denen ich an einer Stelle festhing und die Lösung letztendlich in einer Kreatur lag, die ich vorher kaum beachtet hatte. Gerade diese Momente sorgen dafür, dass man die Welt deutlich genauer betrachtet als in vielen anderen Jump-and-Runs. Man rennt nicht einfach nur hindurch, sondern schaut sich tatsächlich um. Oft bleibt man stehen, beobachtet das Verhalten irgendeines Wesens und fragt sich, ob dahinter vielleicht mehr steckt. Erstaunlich oft lautet die Antwort tatsächlich: Ja.
Besonders gelungen finde ich dabei, dass viele dieser Figuren nicht einfach nur Werkzeuge für Rätsel sind. Sie wirken wie echte Bewohner dieser Buchwelt. Manche laufen ziellos durch die Gegend, andere beschäftigen sich mit ihrer Umgebung und wieder andere reagieren sogar auf Ereignisse, die mit dem eigentlichen Spielziel gar nichts zu tun haben. Dadurch entsteht das Gefühl, dass diese Welt auch ohne Yoshi funktionieren würde. Genau das fehlt vielen Plattformern. Dort existieren Figuren oft nur, damit der Spieler mit ihnen interagieren kann. Hier hatte ich dagegen mehrfach das Gefühl, eher Gast in einer fremden Welt zu sein. Das klingt vielleicht etwas übertrieben, beschreibt aber ziemlich gut, warum die Spielwelt so sympathisch wirkt. Selbst Stunden später entdeckt man noch neue Eigenheiten einzelner Bewohner und beginnt automatisch damit, auf Dinge zu achten, die man zu Beginn komplett übersehen hätte. Gerade diese kleinen Details sorgen dafür, dass die Welt deutlich länger im Gedächtnis bleibt als viele andere Jump-and-Run-Kulissen.
Mehr als nur ein hübsches Bilderbuch
Auf den ersten Blick fällt natürlich sofort der Grafikstil ins Auge. Nintendo und Good-Feel setzen erneut auf eine Optik, die sich deutlich von vielen anderen Spielen unterscheidet. Statt möglichst realistisch zu wirken, sieht vieles aus, als wäre es direkt aus einem Kinderbuch herausgeschnitten worden. Farben wirken weich, Hintergründe erinnern an Illustrationen und viele Objekte besitzen eine leicht handgemachte Anmutung. Das allein wäre allerdings noch nichts Besonderes. Hübsche Grafik gibt es schließlich in vielen Spielen. Interessant wird es erst dann, wenn man etwas länger unterwegs ist und bemerkt, wie viel Arbeit eigentlich in den einzelnen Bereichen steckt. Kaum ein Abschnitt sieht aus wie der vorherige. Ständig tauchen neue Ideen auf. Andere Farbpaletten, neue Hintergründe, ungewöhnliche Kreaturen oder kleine visuelle Spielereien sorgen dafür, dass die Welt überraschend abwechslungsreich bleibt.
Noch beeindruckender fand ich allerdings die Animationen und die allgemeine Präsentation der Welt. Praktisch überall bewegt sich irgendetwas. Pflanzen wackeln im Wind, Kreaturen reagieren aufeinander, kleine Details laufen im Hintergrund ab und selbst unscheinbare Objekte besitzen oft eigene Animationen. Mehr als einmal bin ich irgendwo stehen geblieben, obwohl ich eigentlich weitergehen wollte, einfach um zu beobachten, was dort gerade passiert. Genau diese kleinen Momente machen den Unterschied. Die Welt wirkt dadurch nicht wie eine Ansammlung von Leveln, sondern wie ein Ort, an dem ständig etwas passiert. Besonders schön wird das in späteren Kapiteln, wenn immer mehr unterschiedliche Wesen aufeinandertreffen und die Umgebung regelrecht beleben. Es gibt Passagen, die man problemlos durchlaufen könnte, bei denen es sich aber lohnt, einfach mal kurz stehenzubleiben. Dann entdeckt man plötzlich kleine Animationen oder Reaktionen, die viele Spieler vermutlich komplett übersehen werden. Genau diese Liebe zum Detail sorgt dafür, dass die Spielwelt weit mehr ist als nur eine hübsche Kulisse. Sie trägt einen großen Teil der Atmosphäre und macht das Erkunden überhaupt erst so angenehm.
Nicht jedes Kapitel zündet gleich stark
So sehr mir das Spiel insgesamt gefallen hat, komplett frei von Schwächen ist es natürlich nicht. Der größte Kritikpunkt bleibt für mich der Schwierigkeitsgrad. Viele Aufgaben lassen sich sehr entspannt lösen und selbst wenn man einmal einen Fehler macht, sind die Konsequenzen meist überschaubar. Das passt grundsätzlich zum ruhigen Charakter des Spiels, führt aber auch dazu, dass manche Situationen etwas zu ungefährlich wirken. Es gab mehrere Kapitel, in denen neue Ideen eingeführt wurden und ich sofort dachte, dass daraus später noch deutlich komplexere Herausforderungen entstehen würden. Stattdessen bleibt vieles relativ zugänglich. Das ist nicht automatisch schlecht, vor allem wenn man bedenkt, dass sich das Spiel auch an jüngere Spieler richtet. Trotzdem hätte ich mir an einigen Stellen etwas mehr Mut gewünscht. Gerade weil viele Mechaniken wirklich interessant sind, wäre es spannend gewesen zu sehen, wie weit das Spiel diese Konzepte treiben könnte.
Hinzu kommt, dass sich gegen Ende einige Abläufe leicht wiederholen. Das Grundprinzip des Entdeckens funktioniert zwar weiterhin, doch irgendwann kennt man natürlich die Denkweise des Spiels. Man weiß ungefähr, worauf man achten muss und beginnt schneller Zusammenhänge zu erkennen. Dadurch verlieren manche Überraschungen etwas von ihrer Wirkung. Gleichzeitig muss man fairerweise sagen, dass das Spiel trotzdem erstaunlich lange motiviert. Der Grund dafür liegt vor allem in der Welt selbst. Selbst wenn bestimmte Mechaniken vertrauter werden, bleibt die Neugier erhalten. Man möchte wissen, welche Kreatur als Nächstes auftaucht oder welche Idee hinter dem nächsten Kapitel steckt. Genau deshalb wurde die Wiederholung für mich nie zu einem echten Problem. Ich hätte mir stellenweise zwar mehr Herausforderung gewünscht, verloren hat mich das Spiel deshalb aber nie. Dafür ist die Grundidee einfach zu charmant umgesetzt.mich bis zum Ende begleitet und ist wahrscheinlich der größte Grund, warum mir das Spiel so positiv in Erinnerung geblieben ist.
Unsere Meinung
Yoshi and the Mysterious Book ist kein Spiel, das durch riesige Bosskämpfe, schwierige Plattformpassagen oder spektakuläre Wendungen glänzt. Seine Stärke liegt an einer ganz anderen Stelle. Es schafft es, den Spieler neugierig zu machen. Immer wieder. Über viele Stunden hinweg. Man schlägt eine neue Seite auf, entdeckt eine seltsame Kreatur, stolpert über eine kleine Idee und bleibt dann doch länger dran, als man eigentlich geplant hatte. Genau dieser ruhige, charmante Sog macht das Abenteuer so angenehm.
Nicht jede Idee wird vollständig ausgereizt und der niedrige Schwierigkeitsgrad wird sicher nicht jedem gefallen. Trotzdem entwickelt das Spiel einen erstaunlichen Sog. Man schlägt noch eine Seite auf, entdeckt noch eine neue Kreatur und plötzlich ist wieder deutlich mehr Zeit vergangen als geplant. Genau deshalb gehört Yoshi and the Mysterious Book zu den charmantesten Überraschungen, die Nintendo in letzter Zeit veröffentlicht hat. Es ist kein lautes Spiel, aber eines, das mit kleinen Momenten lange hängen bleibt.
„Ein ruhiges, neugierig machendes Yoshi-Abenteuer, das mit kleinen Entdeckungen mehr fesselt als erwartet.” – game7days
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