Als bei einem THQ Showcase vor ca. 1-2 Jahren das Spiel REANIMAL gezeigt wurde, hat es schnell viele Spieler an die beliebte Little Nightmares Reihe erinnert. Dies ist auch kein Wunder, denn Tarsier Studios, welche bereits für Little Nightmares 1 bzw 2. verantwortlich waren, sind es auch für dieses Spiel. Wir haben uns den Titel genauer angeschaut, um festzustellen, ob REANIMAL an den Erfolg der Little Nightmares Titel anknüpfen kann. Ob dies gelungen ist, könnt ihr in diesem Review nachlesen.
Story als Gefühl, nicht als Handlung
Die Geschichte von REANIMAL entfaltet sich nicht über klassische Erzählstrukturen, sondern über Eindrücke und Stimmungen. Zwei Geschwister stehen im Mittelpunkt, doch ihre Beziehung wird nie direkt erklärt. Man erkennt sie in kleinen Gesten, im gemeinsamen Zögern, im Warten aufeinander. Die Welt wirkt wie eine verzerrte Erinnerung, in der Orte vertraut erscheinen, ohne dass man sie benennen kann. Statt klarer Ereignisse begegnet man Fragmenten, die sich langsam im Kopf zusammensetzen. Diese Form der Erzählung verlangt Geduld, erzeugt aber eine Nähe, die man selten erlebt.
Im weiteren Verlauf beginnt man automatisch, eigene Zusammenhänge zu knüpfen. Warum wirkt alles so beschädigt, so falsch, so entrückt? Das Spiel gibt darauf keine eindeutigen Antworten und scheint das auch bewusst zu vermeiden. Stattdessen entsteht eine Geschichte, die nicht konsumiert, sondern erlebt wird. Sie bleibt offen, manchmal sogar widersprüchlich, und genau das verleiht ihr Gewicht. Man trägt diese Eindrücke mit sich, auch nachdem man den Controller aus der Hand gelegt hat, weil sie nicht abgeschlossen wirken, sondern nachhallen.




Koop als geteilte Unsicherheit
Die Koop-Option in REANIMAL fühlt sich nicht wie ein klassisches Mehrspielerfeature an, sondern wie ein integraler Bestandteil des Erlebnisses. Selbst im Einzelspielermodus ist man nie wirklich allein, da die zweite Figur stets präsent bleibt. Diese Nähe erzeugt ein konstantes Gefühl von Verantwortung. Man achtet aufeinander, passt das Tempo an und zögert, wenn der andere zögert. Dadurch entsteht eine Bindung, die sich nicht komfortabel anfühlt, sondern fragil und verletzlich wirkt. Genau das verstärkt die emotionale Wirkung des Spiels spürbar.
Im gemeinsamen Spiel wird dieses Gefühl noch intensiver. Der geteilte Bildschirm zwingt beide Spieler dazu, denselben Raum zu teilen und dieselben Bedrohungen wahrzunehmen. Es gibt keine Möglichkeit, sich zu entfernen oder unabhängig zu handeln. Jeder Fehler betrifft beide, jeder Fortschritt wird gemeinsam erlebt. Diese Form von Koop entschleunigt das Spiel automatisch. Man spricht mehr, wartet häufiger und spielt vorsichtiger. Dadurch unterstützt der Koop-Modus die Grundstimmung konsequent, statt sie durch Aktion oder Tempo zu unterbrechen.




Gameplay, das vom richtigen Moment lebt
Spielerisch bleibt REANIMAL bewusst reduziert und verzichtet auf komplexe Systeme. Laufen, Klettern, Verstecken und Beobachten bilden den Kern des Gameplays. Rätsel sind vorhanden, aber sie drängen sich nie in den Vordergrund. Meist geht es weniger um logisches Kombinieren als um Wahrnehmung und Geduld. Man schaut sich um, erkennt Zusammenhänge und wartet auf den richtigen Moment. Diese Zurückhaltung sorgt dafür, dass das Spiel nicht überladen wirkt und sich ganz auf Atmosphäre und Spannung konzentriert.
Die intensivsten Momente entstehen dann, wenn das Spiel plötzlich das Tempo erhöht. Verfolgungssequenzen sind selten, aber eindringlich. Sie fühlen sich nicht wie inszenierte Action an, sondern wie ein Moment des Kontrollverlusts. Man rennt nicht, weil es Spaß macht, sondern weil Stillstand keine Option ist. Fehler wirken dabei selten unfair, sondern wie eine Konsequenz mangelnder Aufmerksamkeit. Genau dieser Wechsel zwischen Ruhe und Bedrohung verleiht dem Gameplay seinen eigenen, unverwechselbaren Rhythmus.




Freischaltbare Secrets für aufmerksame Spieler
REANIMAL versteckt seine Extras nicht nur irgendwo in dunklen Ecken, sondern belohnt neugieriges Spielen mit Dingen, die man später tatsächlich wieder vor Augen hat. Dazu gehören freischaltbare Artworks, die wie kleine Fenster in die Welt wirken, ohne dass sie dir alles erklären müssen. Man hat nicht das Gefühl, irgendeinen belanglosen Sammelkram abzuhaken, sondern eher, sich Stück für Stück etwas „dazuzuverdienen“, das den Trip abrundet. Gerade wenn man ohnehin langsam spielt, fühlt sich das passend an, weil es nicht ablenkt, sondern die Stimmung wie ein Nachklang weiterträgt.
Neben den Artworks gibt es auch freischaltbare Masken oder ähnliche kosmetische Extras, die man den Charakteren aufsetzen kann, plus Bonusziele, die in Richtung Achievements gehen. Das ist kein System, das dir den Arm verdreht, aber es gibt Spielern, die gern gründlich sind, einen zusätzlichen Grund, genauer hinzusehen oder bestimmte Situationen sauber zu meistern. Schön ist dabei, dass diese Ziele nicht das Spiel „umformen“, sondern eher kleine Leitplanken setzen. Wer nur durch will, kann das ignorieren, wer mehr will, bekommt einen Anreiz, länger zu bleiben.




Technik und Grafik als Stimmungsträger
Grafisch präsentiert sich REANIMAL bewusst rau und reduziert. Die Welt ist dunkel, kontrastreich und häufig schwer zu überblicken. Figuren wirken klein und verletzlich, Umgebungen bedrückend und fremd. Animationen sind funktional und gelegentlich steif, erfüllen jedoch ihren Zweck. Nichts wirkt glatt oder poliert. Diese rohe Präsentation passt zur Grundstimmung des Spiels und unterstützt das Gefühl, sich an einem Ort zu befinden, der keinen Komfort bieten will.
Der Sound spielt eine zentrale Rolle für die Atmosphäre. Stille wird gezielt eingesetzt und wirkt oft bedrohlicher als Musik. Entfernte Geräusche, undefinierbare Laute und ein konstantes Grundrauschen erzeugen unterschwellige Spannung. Musik tritt nur selten in den Vordergrund und unterstreicht einzelne Momente dezent. Technische Unsauberkeiten sind vorhanden, fallen jedoch kaum ins Gewicht. Sie verstärken eher den Eindruck einer unruhigen, feindlichen Welt als dass sie das Erlebnis stören. zu sein.
Unsere Meinung
REANIMAL trifft genau diesen seltenen Sweet Spot aus beklemmender Stimmung, cleverer Erkundung und Momenten, die sich langsam im Kopf festsetzen. Die Welt wirkt wie ein Albtraum aus Kindheitsresten und verwitterter Natur, in dem jede Ecke eine neue Bedrohung andeutet. Besonders stark ist, wie das Spiel Spannung nicht nur über Jumpscares, sondern über Geräusche, Licht und die ständige Unsicherheit aufbaut. Dazu kommen griffige Mechaniken, die sich organisch anfühlen und die Erkundung belohnen.
Kleine Schwächen gibt es trotzdem: Nicht jede Passage hält das Tempo, und gelegentlich wirken Abläufe etwas zu streng geführt, wenn man sich mehr Freiraum wünschen würde. Auch technisch merkt man hier und da noch Ecken, die Feinschliff vertragen. Unterm Strich bleibt REANIMAL aber ein intensives Horror-Erlebnis mit eigener Handschrift – atmosphärisch stark, spielerisch sicher und genau dann am besten, wenn es dich langsam statt laut erschreckt.
„Unheimlich konsequent: starke Atmosphäre, kluge Spannungskurve – und genau die richtige Dosis Albtraum.” – game7days
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