Xenoblade Chronicles X ist für uns kein neues Spiel. Wir haben den Titel bereits damals für die erste Nintendo Switch ausführlich gespielt und getestet und erinnern uns gut an die Stärken, aber auch an die Eigenheiten dieses ungewöhnlichen Rollenspiels. Umso spannender war es, nun noch einmal zurückzukehren – diesmal auf der Switch 2. Nicht, um alles neu zu entdecken, sondern um zu sehen, wie sich diese riesige, eigenwillige Welt heute anfühlt, wenn Technik und Darstellung ein Stück weit nachgezogen haben. Wir haben uns erneut Zeit genommen, Mira zu betreten, Wege wiederzufinden und neu zu erleben, ob das Spiel mit der neuen Hardware wirklich besser zur Geltung kommt.
Kein Held und trotzdem mittendrin
Am Anfang von Xenoblade Chronicles X fühlt sich nichts heldenhaft an. Man erwacht nicht als Auserwählter, man bekommt keine große Prophezeiung mit auf den Weg. Stattdessen ist man einfach da, gestrandet auf einem fremden Planeten, gemeinsam mit anderen Überlebenden. Die Erde existiert nicht mehr, das alte Leben ist vorbei, und plötzlich geht es um Dinge, die viel kleiner wirken, aber schwerer wiegen. Nahrung beschaffen, Strukturen aufbauen, Aufgaben übernehmen, weil sie erledigt werden müssen. Die Geschichte schiebt sich nicht in den Vordergrund, sie begleitet einen eher still, fast beiläufig, während man versucht, in dieser neuen Realität irgendwie Fuß zu fassen.
Mit der Zeit merkt man, dass sich die eigentliche Erzählung nicht auf einen klaren roten Faden reduzieren lässt. Vieles entsteht aus Begegnungen, aus Gesprächen, aus Nebenaufgaben, die auf den ersten Blick unscheinbar wirken. Man hilft Menschen, hört ihnen zu, bekommt Einblicke in ihre Sorgen und Hoffnungen. Manche Figuren bleiben blass, andere wachsen einem überraschend ans Herz. Es ist keine Geschichte, die einem diktiert, was man fühlen soll. Sie lässt Lücken, lässt Dinge offen. Und genau dadurch entsteht eine Nähe, die man nicht erwartet hätte. Nicht alles ist dramatisch, aber vieles fühlt sich echt an.
Ein Planet der größer ist als man selbst
Mira ist kein Ort, den man schnell begreift. Schon in den ersten Stunden merkt man, dass diese Welt nicht für den Spieler gebaut wurde, sondern dass man sich ihr anpassen muss. Riesige Kreaturen ziehen durch die Landschaft, völlig unbeeindruckt von deiner Existenz. Man sieht Dinge, die man noch lange nicht erreichen kann, und das Spiel macht keinerlei Anstalten, sie vor dir zu verstecken. Das erzeugt ein Gefühl von Größe, das nicht aus Effekten entsteht, sondern aus Distanz. Man fühlt sich klein, und das ist hier keine Schwäche, sondern Teil des Erlebnisses.
Das Erkunden dieser Welt fühlt sich nicht wie das Abarbeiten einer Checkliste an. Man läuft, bleibt stehen, schaut, geht weiter. Oft passiert minutenlang nichts, und genau das macht den Reiz aus. Mira wirkt lebendig, auch wenn sie dich gerade ignoriert. Irgendwann merkt man, dass man Wege wiedererkennt, Landmarken einordnen kann, Entfernungen einschätzt. Dieses Gefühl entsteht nicht durch Kartenmarker, sondern durch Zeit. Und je länger man unterwegs ist, desto mehr fühlt sich diese Welt wie ein Ort an, den man kennt, nicht wie eine Kulisse, die man besucht.
Man lernt langsam oder gar nicht
Spielerisch verlangt Xenoblade Chronicles X Geduld. Die Kämpfe sind nicht hektisch, nicht explosiv, sondern strukturiert und manchmal sperrig. Man steht, beobachtet, wartet auf Abklingzeiten, achtet auf Positionen. Am Anfang wirkt das alles fast zu technisch, zu langsam. Wer hier sofort Action erwartet, wird irritiert sein. Doch genau dieses langsame Herantasten ist wichtig, weil das Spiel nicht will, dass man einfach reagiert. Es will, dass man versteht, was passiert, und warum es passiert.
Mit zunehmender Spielzeit verändert sich dieses Gefühl spürbar. Systeme greifen ineinander, Abläufe werden vertrauter, Entscheidungen fallen schneller. Dinge, die anfangs kompliziert wirkten, gehen irgendwann automatisch. Und dann merkt man, dass das Gameplay nicht träge ist, sondern kontrolliert. Man spielt nicht gegen das Spiel, sondern mit ihm. Fortschritt fühlt sich verdient an, weil er aus Verständnis entsteht, nicht aus bloßem Hochleveln. Dieser Wandel passiert leise, fast unmerklich, und genau das macht ihn so befriedigend.
Endlich Platz für die Welt
Die Switch-2-Version fühlt sich vor allem stabiler an. Nicht spektakulär neu, nicht komplett verwandelt, sondern ruhiger. Die Welt wirkt weniger unruhig, Bewegungen laufen gleichmäßiger, und gerade beim Erkunden weiter Landschaften fällt auf, dass das Bild nicht mehr so stark gegen die Größe der Welt arbeitet. Man bleibt öfter stehen, schaut in die Ferne, ohne dass es technisch unangenehm wird. Diese Ruhe in der Darstellung passt erstaunlich gut zu einem Spiel, das von Weite lebt.
Natürlich gibt es weiterhin Grenzen. Man merkt, dass die Technik nicht alles stemmen kann, was Mira anbietet. Doch diese Einschränkungen drängen sich nicht mehr ständig in den Vordergrund. Sie sind da, aber sie stören nicht dauerhaft. Auch der Sound trägt viel dazu bei, dass sich alles geschlossener anfühlt. Musik setzt gezielt ein, Umgebungsgeräusche geben Orientierung, ohne laut zu werden. Alles arbeitet zusammen, ohne Aufmerksamkeit zu fordern. Und genau dadurch kann man sich endlich auf das konzentrieren, was dieses Spiel immer ausgemacht hat: das Gefühl, auf einem fremden Planeten unterwegs zu sein.
Unsere Meinung
Xenoblade Chronicles X (Switch 2 Version) bleibt ein faszinierendes Sci-Fi-RPG mit einem der stärksten Open-World-Setups der Reihe: ein fremder Planet, riesige Biome und diese permanente Lust, noch „eben“ den nächsten Horizont zu sehen. Die Erkundung ist auch Jahre später das große Pfund – vor allem, wenn das Spiel auf moderner Hardware spürbar flüssiger läuft und die Welt ihre Größe endlich ohne ständiges Ruckeln ausspielen kann. Wer sich auf Mira einlässt, bekommt eine Entdeckerreise, die kaum ein anderes JRPG so konsequent bietet.
Gleichzeitig zeigt sich aber auch, warum X so polarisiert: Die Story kommt lange nur schleppend in Fahrt, das Quest-Design wirkt stellenweise wie MMO-Fleißarbeit und das Spiel erklärt seine Systeme nicht immer elegant. Dazu kommt, dass das Kampfsystem erst nach einigen Stunden wirklich klickt – und bis dahin Geduld verlangt. Unterm Strich ist die Switch-2-Version ein spannendes Upgrade für Fans, bleibt aber ein sperriges Monster: großartig in der Freiheit, zäh in der Struktur – und deshalb nicht für jede:n.
„Gigantische Welt, starke Exploration – aber sperrig, langsam erzählt und systemlastig.” – game7days
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